... die Welt ist um eine Frieda ärmer

Ihr Familienname war kein wirkliches Geheimnis, aber eigentlich wollte ihn auch keiner wissen. Frieda, einfach Frieda, das genügte den fortgeschrittenen Gästen des einzigen naturbelassenen Lokals in Heilbronn. Wer seltener kam, durfte sie noch als Fräulein Frieda ansprechen und höflich um die Übergabe eines Getränks oder einer Mahlzeit bitten. 21 Jahre ist das so gegangen, gut gegangen, ja sehr gut gegangen. Erst jetzt, als in die Zeitung eine Todesanzeige eingerückt werden musste, erfuhren ihre Bewunderer, dass Frieda noch einen Familiennamen hatte. Doch mit dem verhält es sich wie mit dem Service-Original auch - es scheiden sich daran die Geister. In einem Trauerrand-Inserat der Familie hieß sie "Leidig", aber ihre dankbaren Arbeitgeber, die Hessers, wussten, dass wahrscheinlich "Laidig" der Wirklichkeit näher kam. Sie ist also gestorben, unsere Frieda. Tragisch war das Ende: Sie stürzte hinterrücks, verletzte sich dabei so sehr, dass sie aus der Bewusstlosigkeit kein Zurück fand und schließlich kurz nach Weihnachten 2001 im Krankenhaus in Schwäbisch Hall entschlafen ist. Die Beerdigung fand zum Jahresende statt, an einem schneereichen Silvester, Punkt 12 in Neuhütten. Frieda L. in memoriam Mit Frieda hat ein Mensch diese merkwürdige Welt verlassen, der/die bestens in selbige hineingepasst hat, weil er/sie sich nie angepasst hat. Sie ist ihrem Stil treu geblieben. Sie ließ sich nicht beeindrucken von schnelllebigen Moden und Modalitäten. Sie war halt die Frieda und hatte ihren Frieden damit. Wer sich damit nicht anfreunden konnte, hatte einfach Pech gehabt. Sie war das leibhaftige Selbstbewusstsein mit einer starken Portion Anachronismus. Das Wort Emanzipation kannte sie wohl nicht einmal vom Hörensagen, also war ihr grad egal, dass sich unverheiratete Damen heutzutage nicht mehr mit Fräulein anreden lassen. Aber sie hat ihr Verständnis von Gleichberechtigung gerne öffentlich als pure Selbstverständlichkeit zur Schau getragen. Frieda ließ sich nicht unterjochen, von nichts und niemand. Nicht von den Arbeitgebern, den Wirtsleuten Hesser. Seniorchefin Helene kann sich noch gut an die häufigen Aussprachen erinnern, die stets kurz ausfielen, weil Frieda schlicht und einfach feststellte: "Frau Hesser, Sia machet was i sag, sonscht gang i." Auch der schon früher abberufene Hessersbeck sen. bekam diese Vormachtsstellung seiner Perle öfters zu spüren. Wann immer er sie sachte maßregeln wollte, gebot ihm seine Gattin Einhalt: "Heinz, sei ruhig, wir brauchen sie." Auch die Gäste hatten wenig zu melden. Wer partout nicht warten konnte, wurde mit einem unmissverständlichen "Du wartesch jetzt" abgespeist oder mit einem widerspruchsresistenten "Trink erscht aus, bevor ebbes b'schtellsch". Schleppte sie irrtümlicherweise eine Halbe statt eines Pils, ein Viertele statt eines Schorle weiß-sauer an den Tisch, duldete sie keine Reklamation, denn bei ihr galt unumstösslich "Seit wann beschtimmt denn der Gascht, was er trenkt!" Sie war in der Tat sehr eigenwillig, und damit erarbeitete sie sich in der langen Zeit einen Kultstatus. Welche andere Bedienung in einer deutschen Großstadt wurde schon berühmt wegen des Daumens in der Tagessuppe?! Welche andere Bedienung in einem europäischen Top-Lokal genehmigte sich mitunter einen Schluck aus dem für einen Gast bestimmten Bierglas und wunderte sich vorwurfsvoll, als dieser die Annahme verweigerte: "Dass du des g'sehe hosch!?" Gewiss, die Arbeit in einer Wirtschaft, zumal mit der bekannten Luft im Hessersbeck, macht schon mal durstig. Da muss auch eine Spitzenkraft um die körperliche Unversehrtheit besorgt sein. Einen Cognac für das Wohlbefinden flösste sie sich allerdings einmal irgendwie ungeschickt stehend ein. Freilich war der Tag geschickt gewählt: Kein anderer als ein Nachfahre des gleichfalls legendären Götz von Berlichingen stellte sie wieder auf die Beine. Do lecksch me grad am Arsch! Frieda hat sich aufgeopfert. Und sie hat sich dabei wohl gefühlt. Sie hat sich bis morgens um 4 Uhr um das durstige Dutzend eines Sängertreffens gekümmert, das sich damals auf der Kernerhöhe einquartierte. Und als die Musikanten um sechs bereits nach Frühstück verlangten, holte sie die Herrschaft persönlich aus dem Nest: "Los, aufschtande, dia Gäscht wellet ihrn Kaffee." Obwohl im Ruhestand, kam sie regelmäßig zurück zum Hesser, bügelte die Wäscheberge weg. Und in Neuhütten hat sie es allen gesagt: "Wenn's mir hier nicht mehr gefällt, geh ich sofort wieder nach Heilbronn." Wann immer sie unverhofft auftauchte im verrauchten Gastraum, stets war großes Hallo. Das hat sie genossen. Und wenn einer vom Tisch 5, ausgestattet mit Leutseligkeit im XXL-Format, sie zuhause besuchte, erlebte er Gastfreundschaft der ländlich-überschwänglichen Art. Und wenn ein anderer vom Tisch 5 sozialen Thekendienst im Naturfreundehaus am Steinknickle versah, dann spazierte sie von ihrem nahegelegenen Haus in freudiger Erwartung dort hin, setzte sich und verkündete vollster Glückseligkeit: "Jetzt musch du mi amol bediene." Das war wohl einer der besten Kaffees in ihrem Leben. Wir wussten sonst nicht arg viel von ihr. Es hätte sich auch niemand getraut sie über allzu Persönliches zu befragen. Natürlich hätte es uns schon manchmal interessiert, warum sie immer noch ein Fräulein ist. Aber, mal ehrlich, ging uns das wirklich etwas an, dass da mal etwas war, aber nicht sein durfte? Die Welt ist um eine Frieda ärmer.

... ganz Spezielles

Juni 2008
Nachdem im Juni 2008 das Sitzen auf den Nachkriegsmöbeln der Außenterrasse durch ungehemmten Wuchs der Buchenhecke nahezu unmöglich wurde, konnte durch eine gemeinsame Aktion der Stammgäste durch Einsatz mitgebrachter Haushaltsscheren dem Leid abgeholfen werden.

im August 2008
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... Kontakt

Gaststätte Kernerhöhe
Am Hauptfriedhof
Wollhausstraße 111
74074 Heilbronn
Tel.: 07131 177284
Fax: gibt's koins !