... Irrungen und Wirrungen im Gourmettempel (32.04.2010)

Der in Untergruppenbach wohnende Journalist Hans Georg Frank, der sein Gehalt von der Südwestpresse bezieht, gibt all(zwei)jährlich der Redaktion dieser Webseite ein Statement ab zur hier beschriebenen Kultkneipe.

Irrungen und Wirrungen im Gourmettempel (oder: grad noch mal gut gegangen).

Die kleinen Aufsteller auf den Resopaltischen wurden anfangs kaum beachtet. Eben wieder einmal eine semipfiffige Deko-Idee von Lothar Hesser, dachte sich mancher Stammgast. Dabei verdiente die Nachricht durchaus mehr Aufmerksamkeit, war sie doch der Vorbote einer gastronomischen Sensation. Der Hessersbeck, die alteingesessene Wirtschaft beim Heilbronner Hauptfriedhof, entwickelt sich zum gastronomischen Geheimtipp für verwöhnte Gourmets! Um die Weihnachtszeit 2006 begann die neue Zeitrechnung. Zuerst kamen neue Teller auf die Tische, futuristisch geformt, durchaus geschmackvoll. Gewiss, damit lassen sich auch paniertes Schnitzel und dekoriertes Käsebrot servieren. Doch derlei Geschirr beschafft natürlich ein Wirt vom Kaliber Lothar H. nicht einfach der Optik wegen, selbst wenn es aus der Insolvenzmasse eines glücklosen Mitbewerbers stammen sollte. Das Schlitzohr unter Deutschlands Event-Gastronomen hatte eine kulinarische Beraterin der Extraklasse angeworben. Sie heißt Angelika K., hat angeblich im Heilbronner "insel"-Hotel das Handwerk der Hotelfachkraft gelernt, verdingte sich nach eigenen Angaben in "guten Häusern" in Garmisch-Partenkirchen, in der Toskana und anderswo, brachte sich die hohe Kunst der Verwöhnküche nach eigenen Angaben selber bei. Jetzt suchte die Mutter zweier groß gewordener Kinder eine neue Herausforderung in der Heimatstadt. Und eine größere Herausforderung als die Revolution der Speisekarte beim Hessersbeck ist in diesem Gewerbe nicht denkbar. Wo also seit Menschengedenken Schnitzel und Wurstsalat verzehrt werden, dort wurde fortan die Fischwoche ausgerufen, mit geräucherten Felchen vom Bodensee, mit Zander und all dem Flossengetier, das durch bundesrepublikanische Küchen schwimmt. Dazu ließ Lothar Hesser aus dem weit entfernten Chile süffigen Chardonnay importieren, der mit heimischem Rivaner konkurrieren muss und bisweilen mit selbigem verwechselt wird, weil ja eine solche Revolution auch für das geschulte Personal nicht alltäglich ist. Angelika K. wirbelte durch das Haus, wie es sich Mutter Hesser wohl immer gewünscht hätte für den einzigen Sohn und den renommierten Betrieb. Die Selfmade-Küchenchefin hatte im Handumdrehen ein neues Konzept eingeführt. Plötzlich konnten hungrige Gäste in dem urschwäbischen Wirtshaus "Chili con carne" bestellen, selbiges entpuppte sich als exzellente Speise, wenngleich das geschulte Personal mitunter "Tschilli von vorne" an den Tisch brachte. Die Hackfleisch-Bohnen-und-ein-bisschen-Kartoffel-Kombination gelang der dynamischen Senkrechtstarterin am Herd derart meisterlich, dass selbst einer der Großen der Zunft lauthals mit der Zunge schnalzte: Lothar Eiermann (im aktiven Berufsleben mit bis zu zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet und fast vier Jahrzehnten an der Spitze der Gourmet-Verköstiger) war voll des Lobes, weshalb sogar die örtliche Tageszeitung - ein Fachorgan des erlesenen Geschmacks - über die neue Gourmet-Adresse berichtete. Der Patron von Friedrichsruhe gehört zu den montäglichen Stammgästen, berufsbedingt eilt er meist spät am Abend aus dem Wald herbei. Doch wegen der Speisereform tauchte er auffallend früh auf, ließ einmal sogar das leckere Büffet bei einem Gala-Abend unbefingert, was Beobachter der gepflegten Nahrungsaufnahme als Hinweis darauf werten, dass Lothar Eiermann eine neue Konkurrenz fürchtete - oder einfach mal gut essen möchte. Der Tafelspitz war seiner maßgebenden Meinung nach zwar ein kleines bisschen zu gut gegart, doch insgesamt mundete ihm das "Gericht des Tages" wiederum ganz ordentlich. Die neue Ausrichtung der alten Wirtschaft füllte selbige, wie aus gut informierten Kreisen zu hören war. An Silvester erfreute sich das Menü außerordentlich großer Nachfrage, obwohl es mit 33,33 Euro in etwa so viel kostete wie sonst ein ganzer Leichenschmaus. Auch sonntags suchten immer mehr Feinschmecker den Hessersbeck auf, wo dann schon mal 30 Essen ausgegeben wurden. Die Stammgäste, etwa an Tisch 5, nahmen das lukullische Angebot mit Wohlgefallen auf. Allerdings hatten auch sie noch leichte Verständnisschwierigkeiten, dann wenn der Preis genannt wird. Gab es das erste "Chili con carne" noch für 3,80 Euro, kostete in der folgenden Woche das "Tschilli von vorne" schon knapp fünf Euro. Auch der Tafelspitz mit Bouillon-Kartoffeln war mit 9,80 Euro so kalkuliert, dass bereits über einen Kleinkredit vor dem Wirtshausbesuch nachgedacht werden musste. All diese schönen, leckeren Zeiten sind passé. So großartig die Verpflegungsexpertin auch gewesen sein mochte, rein menschlich passte sie nicht ganz in diese Form der Erlebnisgastronomie. Daran mag wohl auch ihr hormongesteuerter Trabant ein bisschen schuld sein. Wessen Partnerin gut kocht, der kann sich noch lange nicht das Recht herausnehmen und den Wirt am Schlafittchen packen. Fast drängte sich der Verdacht auf, dass das Duo das Wirtshaus im Handstreich übernehmen wollte. Egal, es ist wieder alles gut. Dank Brigitte Fischer (Jahrgang 1947). Sie steht sonntags, montags und donnerstags in der engen Küche und bringt dort herausragende Genüsse auf die Teller. Bodenständig, ohne Schnickschnack, der mit südamerikanischen Traubenmosten an seine Bestimmung gespült werden müsste. Frau Fischer ist Kennern der Heilbronner Gastroszene aus dem "Rädle" bekannt, das sie drei Jahre lang führte. Seit Anfang 2008 ist sie die Chefköchin beim Hessersbeck, obwohl sie dieses Handwerk nicht nach handelsüblichen Maßstäben erlernt hat. Alle Kenntnisse und Kniffe habe ihr die Schwiegermutter beigebracht, verrät Ehemann Karl-Heinz, ein stadtbekannter Raumausstattermeister, der sein Geschäft an der Gartenstraße 40 Jahre lang betrieben hat (jetzt kümmert sich der Sohn darum). Brgitte Fischer ist eine Spezialistin für landestypische Spezialitäten. Viel gerühmt und noch gerner gegessen werden ihre Schnitzel, der Rost-, der Reh- und der Sauerbraten, auch innere Werte wie Kuttel und Nierle gelingen ihr bestens, die Bratkartoffeln sind unübertreffbar, der Wurstsalat (in welcher Variante auch immer) ist so hervorragend wie umfangreich. Herr Eiermann, mittlerweile ein Rentner, labt sich weiterhin, auch wenn er nicht verstehen kann, dass für so wenig Geld so viel Qualität auf den Tisch kommen kann. Frau Fischer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch wenn der liebe Lothar, ein Meister des Überblicks und Genie des geordneten Chaos, einer hungrigen Meute Zuflucht im Beethovensaal gewährt und diesen 20 Personen die Nahrungsaufnahme à la carte erlaubt - Brigitte Fischer denkt sich ihr Sach' und arbeitet die Bestellungen ab. Wenn mancher Gast ein bisschen länger warten muss, taucht der Wirt persönlich mit einem Versöhnungsschnäpsle auf. "Es macht ihr Spaß", lässt Gatte Karl-Heinz durchblicken. Er begleitet seine Frau gerne, "es ist ja hier in der Wirtschaft schöner als wenn ich allein daheim hock", sagte er zwischen einem der vielen Züge an einer der vielen Zigaretten (natürlich draußen vor der Tür). Mit dem bisweilen eigenwilligen Chef gebe es keine Probleme, "sie hat ja in der Küche das Kommando".

... ganz Spezielles

Juni 2008
Nachdem im Juni 2008 das Sitzen auf den Nachkriegsmöbeln der Außenterrasse durch ungehemmten Wuchs der Buchenhecke nahezu unmöglich wurde, konnte durch eine gemeinsame Aktion der Stammgäste durch Einsatz mitgebrachter Haushaltsscheren dem Leid abgeholfen werden.

im August 2008
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... Kontakt

Gaststätte Kernerhöhe
Am Hauptfriedhof
Wollhausstraße 111
74074 Heilbronn
Tel.: 07131 177284
Fax: gibt's koins !