... Tisch 5 (fünf) oder der Montagsstammtisch

Tisch fünf, der Montagsstammtisch, ganz hinten im Kerzenschein. Seit über 25 Jahren gibt es ihn. Nach getaner Arbeit schleppen sich erschöpfte Werktätige auf die harten Hocker eines gastlichen Hauses in der Nähe des Hauptfriedhofes von Heilbronn (Europa). Alkoholischer Labsal gilt ihr Sehnen und Trachten, sie hungern nach spritzigen Gesprächen und einem panierten Schnitzel mit Kartoffelsalat. Für derartige Erquickung, wurde ihnen von informierten Kreisen zugetragen, sei "der Hessersbeck" die richtige Adresse: Wollhausstraße 111. Das eine Weizenbier, das Pils, das Weinschorle (weiß und sauer), das Schnitzel, die Unterhaltung - alles fällt so recht nach dem Wunsch der Gäste aus. Am Tisch herrscht eine Einigkeit: Wenn es einmal so schön war, könnte die Wiederholung in der nächsten Woche doch nicht schlechter sein. Also verabreden sich die Herren und Damen für den folgenden Montag. Dass diese Menschen, in der Mehrzahl ortsansässige Journalisten beiderlei Geschlechts, zu Stammgästen werden sollten, ist dem Einfluss zweier außergewöhnlicher Persönlichkeiten zu verdanken. Das war natürlich der Patron des ehrenwerten Hauses, Heinz Hesser - eben der leibhaftige Hessersbeck. Schnitzel in Graustufen sehen zum K..... aus, deshalb in Farbe ! Ein gelernter Brezelschlinger und leidenschaftlicher Gastgeber von ungezügelter Neugier. Das kommunikationsfreudige Original nahm sich seiner Zecher stets mit ehrlichem Interesse an, erkundigte sich nach Namen, Herkunft, Beruf: "Wie heisch, woher kommsch, was machsch?" Jede Anekdote, die ihn als Hauptdarsteller hat, muss als glaubhaft erscheinen, besonders seine Vorliebe, auf dem nahegelegenen Gottesacker Viertelesschlotzer und Schnitzelesser für seine Wirtschaft zu rekrutieren. Kaum war der Sarg hinabgesunken, hat sich der Hessersbeck unauffällig unter jene Beerdigungsteilnehmer gemischt, die keine Einladung zum Leichenschmaus hatten und daher unentschlossen waren, wo sie denn nun auf das Wohl des Verstorbenen anstossen sollten. "Geh mer halt nüber zum Hessersbeck", schlug der Heinz vor. Mittlerweile ruht er selber in dieser geweihten Erde. Es ist eine schöne Leich' gewesen. Tisch 5, der einzige Stammtisch, der Farbe in diese Kneipe bringt, montags.In der Wirtschaft, die eigentlich und amtlich "Kernerhöhe" heißt, wirbelte Jahrhunderte lang die Inkarnation schwäbischer Spitzendienstleistung: Fräulein Frieda - resoluter Charme in rustikalem Korpus. Mit bewunderungswürdiger Akrobatik, ja einem Höchstmaß an Equilibristik jonglierte sie Teller und Gläser an die Tische. Da nahm der Daumen schon mal ein Vollbad in der Nudelsuppe, floss aus dem Zapfhahn ein wenig zuviel Bier in den Krug, sorgte sie eben durch einen ebenso schnellen wie heimlichen Schluck für das zulässige Eichmaß. Wohl bekomm's! Fräulein Frieda genoss ihren Ruhestand in ihrem Häusle in den Löwensteiner Bergen nur kurz. Sie stieg manchmal noch herunter ins Heilbronner Becken und ließ bei Hessers das Bügeleisen über die Wäsche sausen. Doch inzwischen hat sie bei ihrem Schöpfer vorgesprochen (siehe Nachruf) Heutzutage hält es ganz gewiss keine ihrer Nachfolgerinnen so lange aus wie dieses einzigartige Fräulein Frieda, die Mensch gewordene Mischung aus Standvermögen, Souveränität und Rutsch-mir-den-Buckel runter. Aus der Zecherrunde jenes Montags in den 80ern des 20. Jahrhunderts ist eine Stammtisch-Gesellschaft geworden, wenn auch mit wechselnder Zusammensetzung. Von den Medienschaffenden ist nur ein einziger übrig geblieben, heute dominieren Lehrer, Pädagogen und Schulmeister. Der Tisch 5 befindet sich in der hinteren Ecke, direkt unter dem Fernsehempfänger, dessen Standby-Lichtle sehr lange leuchtete, bis der pfennigfuchsende Nachwuchswirt den eindringlichen Hinweis auf diese Energieverschwendung endlich beherzigte. Im zivilisierten Teil der Welt dürfte es keine zweite Wirtschaft geben, in der das elektrische Licht verlöschen muss, wenn die Herrschaften von Tisch 5 in Erscheinung treten - sie bevorzugen romantischen Kerzenschein. Das wirkt anheimelnd und außerdem sieht man die gesichtlichen Ausfurchungen nach anstrengendem Arbeitspensum oder aufopferungsvollen Zechens nicht ganz so deutlich. Erreichen die Temperaturen subtropische Ausmaße, also von März bis November, lassen sich die Tisch-Fünfer auf der überschaubaren Wirtschaftsterrasse nieder. Mitunter greifen sie dort zur Heckenschere, um sich zwischen dem Buchengewächs den erforderlichen Platz zu verschaffen, was in etwa dem Kahlschlag in einer Parzelle undurchdringlichen Urwaldes gleicht. Der Abend unter freiem Himmel verlangt selbstredend nach Einhaltung aller Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches, insbesondere die Beachtung des Ruhebedürfnisses von Nachbarn ist dem Junior-Wirt, Rhetorik-Genie und Millionen-Erbe Lothar H. ein herzliches Anliegen, das er mit einem Höchstmaß verbaler Eleganz zur Durchführung gelangen lässt. Am Tisch 5 wird immer mal wieder schwunghafter Handel mit feinsten Viktualien getrieben. Ein Bauernabkömmling schafft Kartoffeln und Eier herbei, nimmt Bestellungen für die Delikatess-Landmetzgerei seines Bruders entgegen und besorgt zentnerweise Öko-Knoblauch. Ein beamteter Gourmet liefert schmackhaftesten Nachschub für den Hasenbraten am Stück. Ein handwerklich begabter Schulmeister offeriert seine Dienst als Landschaftsverschönerer. Mitunter stößt ein international berühmter Trüffelhobler zu der vergnügten Runde und erstaunt mit Berichten aus der befremdlichen Welt der Feinschmecker. Der Tisch 5 ist keine wirklich geschlossene Gesellschaft. Manchmal dürfen sich Unbeteiligte dazu setzen, sofern sie gewisse Regeln einhalten: Mund zu- und Geldbörse aufmachen.

... ganz Spezielles

Juni 2008
Nachdem im Juni 2008 das Sitzen auf den Nachkriegsmöbeln der Außenterrasse durch ungehemmten Wuchs der Buchenhecke nahezu unmöglich wurde, konnte durch eine gemeinsame Aktion der Stammgäste durch Einsatz mitgebrachter Haushaltsscheren dem Leid abgeholfen werden.

im August 2008
Aliquam sit amet felis. Mauris semper, velit semper laoreet dictum, quam diam dictum urna, nec placerat elit nisl in quam. Etiam augue pede, molestie eget, rhoncus at, convallis ut, eros. Aliquam pharetra.

... Kontakt

Gaststätte Kernerhöhe
Am Hauptfriedhof
Wollhausstraße 111
74074 Heilbronn
Tel.: 07131 177284
Fax: gibt's koins !